11 / 08 / 2022
Teil 4: Wesen der Dezentralisierung – Rekurs auf die Grundlage der Blockchain und die Idee der DAOs

Die Blockchain ist eines der meistdiskutierten Technologien der letzten Jahre. Dieser Artikel ist der 4. Teil der Serie “Die Revolution ist da, Zeit sie zu begreifen – Warum wir uns mit Blockchain, Web3.0 und DAOs beschäftigen?” In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit DAOs.

Ganz grundlegend ermöglicht die Idee der Blockchain etwas, das vorher nie möglich gewesen ist: Dezentralisierung. Damit ist gemeint, dass das Wesen einer Einheit, z.B. einer Währung, von ihrem materiellen Kern, etwa der Münze, abgekoppelt und in ein verteiltes System umgewandelt werden kann, welches diese Einheit nunmehr autonom verwaltet, ohne dass eine einzige Person oder Institution für die Verwaltung zuständig wäre. Ein System das sich selbst trägt, eine Art Perpetuum Mobile. Das funktioniert mit Geld bereits gut (diverse Coins), mit physischen Gegenständen auch ansatzweise (NFTs).

Funktioniert das aber auch mit ganzen bisher von Menschen getragenen Organisation, wie z.B. Unternehmensstrukturen?

 

1.       Die Ursprüngliche Idee

Eines der beeindruckendsten Konzepte, das durch die Blockchain-Technologie umgesetzt wurde, ist die DAO, die erste dezentrale autonome Organisation. Dezentrale autonome Organisationen sind Einheiten, die autonome Entscheidungen auf Grundlage von umfangreichen und miteinander verzahnten Smart Contracts treffen können. Ihre Transaktionen, Geschäfte und Regeln werden auf einer Blockchain kodiert, wodurch die Notwendigkeit eines zentralen Managements entfällt.

Anfang Mai 2016 wurde das erste Projekt dieser Art von einigen Mitglieder der Ethereum-Community gegründet und als „The DAO“ getauft (auch „Genesis DAO“ genannt). Es wurde als eine der umfangreichsten Smart-Contract-Strukturen auf der Ethereum-Blockchain entwickelt. Die DAO hatte einen Erstellungsphase, in dem jeder Ether gegen 100 DAO-Token getauscht werden konnte. Diese Erstellungsphase war ein außergewöhnlich unerwarteter Erfolg, da 12,7 Mio. Ether (damals im Wert von etwa 150 Mio. $) gesammelt werden konnten, was es zum größten Crowdfunding aller Zeiten machte. Zu einem späteren Zeitpunkt, als Ether bei 20 Dollar gehandelt wurden, waren die gesamten Ether von The DAO über 250 Millionen Dollar wert.

Die Plattform war als Investment-Fonds konzipiert worden und ermöglichte es jedem, der ein Projekt hatte, seine Idee der Gemeinschaft zu pitchen und möglicherweise von der DAO finanziert zu werden. Jeder, der über DAO-Token verfügte, konnte über die Finanzierungsanfrage eines Projektes mit abstimmen und wurde dann belohnt, wenn die Projekte einen Gewinn abwarfen.Ganz grundlegend ermöglicht die Idee der Blockchain etwas, das vorher nie möglich gewesen ist: Dezentralisierung. Damit ist gemeint, dass das Wesen einer Einheit, z.B. einer Währung, von ihrem materiellen Kern, etwa der Münze, abgekoppelt und in ein verteiltes System umgewandelt werden kann, welches diese Einheit nunmehr autonom verwaltet, ohne dass eine einzige Person oder Institution für die Verwaltung zuständig wäre. Ein System das sich selbst trägt, eine Art Perpetuum Mobile.

Im Mai 2016 hielt The DAO einen massiven Prozentsatz aller bis dahin ausgegebenen Ether-Token (etwa bis zu 14 %). Ungefähr zur gleichen Zeit wurde jedoch ein Paper veröffentlicht, in dem mehrere potenzielle Sicherheitslücken angesprochen wurden und Investoren davor gewarnt wurden, über künftige Investitionsprojekte abzustimmen, bis diese Probleme behoben werden.

Später, im Juni 2016, griffen dann auch tatsächlich Hacker die DAO auf der Grundlage dieser Schwachstellen an. Die Hacker verschafften sich Zugang zu 3,6 Millionen ETH, die damals einen Wert von etwa 50 Millionen US-Dollar hatten. Dies führte zu einer massiven und kontroversen Diskussion unter den DAO-Investoren, wobei einige Personen verschiedene Möglichkeiten zur Behebung des Hacks vorschlugen und andere die dauerhafte Auflösung der DAO forderten. Die Tatsache, dass die DAO in Bezug auf Regulierung und Gesellschaftsrecht Neuland betrat, machte den Prozess auch nicht einfacher und die Anleger waren besorgt, dass sie für Handlungen der DAO in einer dezentralen Organisation haftbar gemacht werden könnten.

Die DAO, wie sie ursprünglich geplant war, war lange Zeit eingefroren. Erst letztes Jahr 2021 kündigte die Maker Foundation, an, dass sie den Betrieb der DAO offiziell an die MakerDAO (Schöpfer des DAI-Stablecoins) übertragen und sich bis Ende des Jahres auflösen würde.

Obwohl es noch viele Bedenken und potenzielle Probleme in Bezug auf Legalität, Sicherheit und Struktur gibt, glauben einige Analysten und Investoren, dass diese Art von Organisation schließlich an Bedeutung gewinnen und vielleicht sogar traditionell strukturierte Unternehmen ersetzen könnte. Auch in Deutschland gab es ähnliche Projekte, wie etwa Neufund, das zwar primär aus regulatorischen Gründen scheiterte, aber dennoch ein ähnliches Schicksal erlitt.

 

2.       Die Zukunft des DAO-Konzeptes

Bevor wir uns einer Zukunftsvision für DAO-Konzepte widmen, ist zunächst ein gewisser Umweg notwendig, um die derzeitigen Herausforderungen zu umreißen und die Daseinsberechtigung für DAOs zu erläutern.

 

a.       Das Plattform-Dilemma

Wir verbinden Arbeit damit, jeden Morgen aufzustehen, uns entsprechend der Arbeit zu kleiden, an einen Arbeitsort zu gehen, um dort die Arbeit nach unseren Kenntnissen und Fähigkeiten zu verrichten, und wieder nach Hause gehen. Das alles tun wir für etwas Größeres, eine Unternehmensorganisation, die aufgrund unserer Arbeitsteilung zu viel mehr fähig als wir für uns allein. Am Ende des Monats bekommen wir dann den Lohn unserer Arbeit von dieser Unternehmensorganisation. Das ist ein sehr zentralistisches Arbeitsmodell.

Dass dieses Konzept der Arbeit aber langsam in eine dezentralere Richtung aufgebrochen wird, zeigen bereits die Möglichkeiten, von zu Hause oder „remote“ von überall in der Welt aus arbeiten zu können.

Besonders deutlich werden die Möglichkeiten der Dezentralisierung, wenn man sich die großen Online-Plattformen genauer anschaut. So zieht Facebook weitaus mehr Blicke auf sich vermutlich als alle großen Medienhäuser der Welt zusammen, wobei diese ja eigentlich die auf Facebook verfügbaren Inhalte erstellen, die mitunter diese zahlreichen Blicke erst anlocken. Uber besitzt kein einziges Taxi und ist das größte Taxi-Unternehmen der Welt geworden. Youtube erstellt kein einziges Video selbst und doch hat es vermutlich mehr Zuschauer als alle Fernsehsender der Welt zusammen. Amazon verkauft mittlerweile zwar auch eigene Produkte, aber als Marktplatz mit unzähligen anderen Verkäufern und Millionen von Produkten, zieht das Unternehmen mehr Käufer an als jedes Kaufhaus.

Was alle diese Plattformen gemeinsam haben, ist dass sie im Zuge des eigenen Wachstums, anderen neue Erwerbsmodelle ermöglicht haben. Mit einem eigenen Blog kann mittlerweile mehr Reichweite erzielt werden als die der Auflagen der größten Zeitschriften, wodurch mit Werbung Geld verdient werden kann. Mit sozialen Netzwerken kann jeder zum Influencer werden, auch ohne Schreibtalent, und fremde Produkte gegen eine Provision verkaufen. Mit Amazon kann jeder auch einen eigenen Online-Handel spielend leicht eröffnen. Mit Uber kann jeder mit eigenem PKW (und vielerorts Taxischein) auch Taxi-Unternehmer werden.

Wir halten fest, Plattformen ermöglichen neue Existenzgrundlagen und sind jedenfalls dezentraler aufgebaut als herkömmliche Verlagshäuser, Kaufhäuser, Taxi-Unternehmen und Fernsehsender. Das klingt erst einmal ganz schön, wären da nicht gewisse Limitierungen und Hindernisse, vor denen diese Plattformen im Zuge ihres Wachstums stehen und die wir auch bereits in der vergleichsweisen kurzen Existenz der Plattformen beobachten können. Denn jede Plattform kommt bei entsprechender Größe in das Problem, dass sie zu ihren Contributern oder Plattformteilnehmern (bei Amazon die Shops, bei Uber die Taxifahrer, bei Facebook der Journalismus und bei Youtube die Filmemacher) nicht mehr gleichermaßen den Kontakt halten kann. Dann fängt die Plattform an, einige Contributer zu bevorzugen, die anderen zu benachteiligen, sie ändert ihre Richtlinien, was nicht allen gefällt, sie erhöht die Plattformgebühr, etc. All dies führt dazu, dass mit der Zeit aus der annährend dezentralen Zusammenarbeit zwischen Plattform und ihren Contributern zunehmend ein Konkurrenzverhältnis wird und das knirscht mitunter gewaltig. Bei Facebook ist es die Fake-News-Debatte, bei Uber sind es die Streiks, bei Amazon ist es die Fluktuation der Shopbetreiber in D2C-Modelle.

Diese negativen Plattformeffekte finden aber auch auf wesentlich höheren Ebenen statt. So hat Apples Änderung der Werberichtlinien in Bezug auf die Ad-Tracking-Transparenz dazu geführt, dass Facebook im letzten Jahr 10 Mrd. Dollar verloren hat. Der von Apple betriebene App-Store ist auch nichts anderes als eine Plattform, die auf der einen Seite Appentwicklern neue Erwerbsmöglichkeiten bietet, aber auf der anderen Seite von diesen Contributern auch der Erfolg des IPhone abhängt, denn gäbe es keine Apps wäre das Telefon vermutlich nahezu wertlos.

Zusammengefasst lässt sich daraus schlussfolgern: Je weiter eine Plattform wächst, desto stärker konkurriert sie mit ihren Contributern. Daraus entstehen Konflikte, die riesige Geldsummen verschlingen und viel Energie kosten.

Quelle: a16z

Ein Grund dafür könnte sein, dass der Betreiber der Plattform selbst auch ein Unternehmen mit eigener Struktur und eigener Gewinnerzielungsabsicht ist. Aber was wäre, wenn die Plattform von einer DAO betrieben und jeder Teilnehmer gleichzeitig und gleichermaßen Plattformbetreiber wäre? Der beschriebene Konflikt zwischen Plattformbetreiber und den Plattformteilnehmern wäre damit Geschichte. Viel wichtiger noch: Es entstünde ein neuer riesengroßer Markt, wenn Plattformbetreiber mit Hilfe der Blockchain „demokratisiert“ werden könnten.

 

b.      DAOs als neue Plattformbetreiber

Einen ersten Einblick in die Größe dieses neuen Crypto-Marktes zeigen zum einen die Kosten, die aufgrund negativen Plattformeffekte und den daraus resultierenden Konflikten entstehen (Apples Richtlinien Änderung kostete Facebook 10 Mrd. Dollar!). Auf der anderen Seite sehen wir auch zahlreiche junge Startups die sich mit diversen DAO-Konzepten befassen.

Quelle: DAO landscape by Cooper Turley

DAOs gibt es in vielen verschiedenen Formen und Größen: Es gibt DAOs, die Krypto-Protokolle steuern (Protokoll-DAOs), DAOs, die Risikokapital-Investitionen tätigen (Investment-DAOs), DAOs, die anderen DAOs Dienstleistungen anbieten (Service-DAOs), DAOs, die NFTs kaufen (Collector-DAOs), und viele mehr.

Nun aber zurück zum Ausgangspunkt und dem oben beschriebenen 9- 5-Job. DAOs als offene Betriebe können die Arbeit flexibler, fließender und spielerischer machen wird als die 9-5-Jobs, an die wir gewöhnt sind. Die Motivition eines DAO-Contributors folgt der gleichen Regel wie der eines Plattform-Cotributors und der eines normalen Arbeitnehmers in einem 9-5-Job: „X-to-earn“. Jeder möchte seinen Lebensunterhalt beschreiten.

Die Offenheit von DAOs und den von diesen betriebenen Geschäftsmodellen wird es Menschen ermöglichen, an mehreren DAOs und Krypto-Netzwerken teilzunehmen und dabei verschiedene Einkommensströme und Eigentumsrenditen zu mixen und aufeinander abzustimmen.

Unser Einkommen könnte sich mit Hilfe von DAOs aus Dingen zusammensetzen, die wir bereits jetzt in unserem Leben tun (z.B. Spiele spielen), aus Dingen, die wir als traditionelle Arbeit betrachten (z.B. Provisionen und Services), und aus Dingen, die derzeit nur für einem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung zugänglich sind (z. B. Investitionen un passives Einkommen). Anders ausgedrückt: DAOs werden die Art und die Anzahl der Möglichkeiten unserer Erwerbsquellen erweitern und demokratisieren.

In dieser neuen Zukunft der Arbeit wird diese flüchtiger und dynamischer sein – die Kosten für den Wechsel zwischen Arbeitsplätzen werden geringer sein, die Arbeitsmöglichkeiten werden sichtbarer sein und die Arbeit wird in kleinere Einheiten zerlegt und die ganze Welt wird unter einer einzigen Belegschaft mit Zugang zu allen Möglichkeiten vereint sein.

Hier ein genauerer Blick auf die Verdienstmöglichkeiten, die sich den Teilnehmern durch DAOs derzeit bieten können:

Work-to-earn: „Core-Contributors“ sind das, was wir uns heute typischerweise unter Arbeitnehmern vorstellen – Menschen, die Vollzeit für ein Projekt oder Unternehmen arbeiten. In der Zukunft wird sich die Arbeit für diese Gruppe nicht nachweislich von der Arbeit für ein Unternehmen unterscheiden.

Contribute-to-earn: „Bountyhunters“ oder “Kopfgeldjäger” erledigen hochspezialisierte Arbeiten zu einem vereinbarten Preis. Bei diesen Personen handelt es sich oft um funktionale Experten in unterschiedlichen Bereichen wie, die gleichzeitig für mehrere DAOs Dienstleistungen erbringen. Die Jobs werden offen oder auch in einem Bewerbungs- oder Vergabeverfahren ausgeschrieben.

Smart Contracts werden einen großen Teil der Kernfunktion einer DAO automatisieren, so dass mehr periphere Arbeit übrigbleibt, die klar definiert, funktional spezialisiert und an Bountyhunter abgegeben werden kann

Participate-to-earn: Netzwerke gewinnen mit mehr Aktivität und Attraktivität mit einer wachsenden Zahl an Teilnehmern. Zwar haben die Teilnehmer unterschiedliche Geschäftsmodelle und verschiedenhohe Einkünfte. Aber die Teilnahme an dem Netzwerk wird derzeit nicht vergütet, obwohl jeder einzelne Teilnehmer den Wert des Netzwerks steigert.

DAOs bieten diesen Teilnehmern heute bereits folgende Möglichkeiten:

Play-to-earn: Play-to-earn ist ein neuartiges Spielmodell, bei dem die Spieler für das Spielen und den Erfolg innerhalb eines Spiels belohnt werden. Das traditionelle Spielmodell beinhaltet einen einseitigen Werttransfer in Richtung der Spielentwickler oder der Plattform, während Play-to-Earn-Spiele auch die Nutzer belohnen.

Die Spieler stellen Arbeit (ihre Zeit und Energie) und Kapital zur Verfügung (oft kaufen sie NFTs, um am Spiel teilnehmen zu können) und werden für ihre Leistungen und Fortschritte im Spiel mit fungible Token belohnt. Das Verdienen von Währung in Spielen ist nicht neu, aber anstatt Spieler mit Ingame-Währungen zu belohnen, die nur innerhalb des Spiels verwendet werden können, verteilen Play-to-Earn-Spiele fungible Token-Belohnungen, die in anderen Krypto-Token oder Fiat-Währungen umgetauscht werden können.

Learn-to-earn: Learn-to-earn ist ein neues Bildungsmodell, bei dem man nicht für das Lernen bezahlt, sondern für den Nachweis, dass man etwas gelernt hat, entlohnt wird. Dies ist möglich, wenn die Fähigkeiten, das Wissen oder die Informationen, die eine Person erlernt, einen Mehrwert für ein Netzwerk darstellen, und dieses Netzwerk daher bereit ist, das Lernen zu subventionieren.

Create-to-earn: Krypto hat neue Vermögenswerte und digitale Knappheit geschaffen, was in den letzten Monaten den Weg für eine Explosion des NFT-Marktes geebnet hat. Dies hat Künstlern auf der ganzen Welt die Möglichkeit eröffnet, ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder in einigen Fällen sogar eine ganze Generation zu bereichern.

Invest-to-earn: In einer Welt, in der jedes Netzwerk und Unternehmen einen Token hat, Token für die Teilnahme an Netzwerken verdient werden und die Möglichkeit, Token zu kaufen, erlaubnisfrei ist, wird jede einzelne Person zum Investor.

Investitionen werden zu einer wichtigen Einkommensquelle für einen immer größeren Teil der Bevölkerung. Nicht jede Investition wird sich lohnen, aber der Einzelne wird Zugang zu Möglichkeiten haben, die bisher nur einigen wenigen vorbehalten waren.

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